Jungscharzeltlager auf dem Kraftstein 2016

Zehn Tage Urlaub im Sherwood Forest
Paul Klaiber – Gränzbote 14.08.2016

„Du gehst mir dermaßen auf den Geist!“, „Spiel dich doch nicht schon wieder so auf!“, „Halt deine dumme Klappe!“, „Wir können uns gerne prügeln.“ Zwei junge Männer in grünen Leggins marschieren schimpfend und einander beleidigend über die Wiese. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Nach einigem Gerangel und Geschubse stürzt sich der Eine auf den Anderen und ringt ihn zu Boden. Ein Mönch in brauner Kutte packt den Angreifer am Kragen: „Hört auf, euch so aufzuführen.“
Diese Szene ist natürlich nur gespielt, doch sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Die Kinder, die sich am Lagerfeuer eingefunden haben, sind ganz still geworden, und blicken gebannt auf den Ort des Geschehens. Die Auseinandersetzung zwischen Little John und Robin Hood bildet den Einstieg zum Abendprogramm des Zeltlagers.
„Vor jedem Programmpunkt machen wir ein solches Anspiel“, erklärt der 24-jährige Betreuer Georg Melber. Die knapp 40 Betreuer des Evangelischen Jugendwerks aus Tuttlingen und Möhringen haben das Gelände um das Landheim Kraftstein schon Tage zuvor in den „Sherwood Forest“ verwandelt: Willkommen in der Welt von Robin Hood, Lady Marianne und Bruder Tuck.

Baumhaus darf nicht fehlen
Vom Donnerstag, 28. Juli, bis zum Samstag, 6. August, geht das eigentliche Lager, doch schon bevor die Kinder eingetroffen sind, haben die ehrenamtlichen Helfer damit begonnen, die Kulissen aufzubauen. Unter anderem wurden mehrere Marktstände errichtet, die von einer Stadtmauer mit großem Tor umgeben sind, und die Stadt Nottingham darstellen. Und was natürlich nicht fehlen darf, ist ein echtes Baumhaus. Mit viel Liebe fürs Detail wurde ein stimmungsvolles Setting geschaffen.
„Hier sind wir ja eh in Wald und Natur, das passt gut zum Szenario. Und die Message der Geschichte ist richtig schön“, sagt Nicola Klumpp, Mitglied des dreiköpfigen Leitungsteams. Kinder mit grünen Kapuzen wuseln krakeelend über den gesamten Platz. 140 Mädchen und Jungen im Alter von neun bis zwölf Jahren sind zehn Tage lang mit dabei, wenn es darum geht, die Armen und Schwachen zu beschützen. Ständig droht Gefahr vom Sheriff von Nottingham, der das Lager überfallen will. „Gestern haben wir Geld durch den Wald geschmuggelt und an die Armen verteilt. Ich hatte Glück und die Leute vom Sheriff haben mir gar nicht oft was abgenommen“, freut sich Jule Schilling über ihren Erfolg beim Geländespiel.
„Es ist bemerkenswert, dass die Kinder auch noch zu begeistern sind, ohne Multimedia und Technik“, sagt Till Haendle, der sich in diesem Jahr zum 25. Mal als Mitarbeiter beim Jungschar-Zeltlager engagiert. „Wir haben keinerlei Nachwuchssorgen. Innerhalb von zwei Wochen waren alle Plätze besetzt.“ Besonders gefällt Haendle das ausgeprägte Gemeinschaftsgefühl. „Während des Zeltlagers fühlt man sich wie in einer andere Welt“, schwärmt er.
Glockenläuten hallt über die malerische Heidelandschaft. Das ist das Signal zum Abendbrot. Aus allen Winkeln des Geländes strömen die Kinder herbei, denn wer so viel an der frischen Luft gegen Schurken kämpft, hat auch ordentlich Hunger. Heute wird aus riesigen Schüssel Wurstsalat aufgetischt. Aber auch Gemüse steht für die jungen Helden bereit. Ingrid Teufel, die zusammen mit Katrin Kreidler das Hauptküchenteam bildet, sagt: „Wir kochen hier für 180 Personen. Wenn wir zum Beispiel 15 Kilo Nudeln machen, bleibt nichts übrig.“ Das Obst und Gemüse komme vom Markt und andere Lebensmittel werden vom Großhandel geliefert. Frisch und regional soll es sein. „Das ist uns wichtig“, so Teufel. Beim Essen geht es durchaus rustikal zu. Wenn 140 Kinder in einem Festzelt dinieren, ist das nichts für sensible Ohren. Doch als eine der Betreuerinnen die Hand hebt, werden alle Kids plötzlich ruhig. Gemeinsam wird ein Gebet gesprochen, schließlich handelt es sich um eine christliche Freizeit.

Abwechslungsreiche Verpflegung
„Unsere Becher und Teller haben wir selber mitgebracht und die spülen wir auch alleine“, erklärt die Teilnehmerin Janina Beha. Begeistert sind die Kinder von der abwechslungsreichen Verpflegung: „Es gab mal eine Pizzasuppe. Die war richtig lecker“, sagt ihre Freundin Lou Schorer. „Das Wetter müssen wir nehmen, wie es kommt, und wir haben auch bei Regen Spaß. Aber das Essen hat auf jeden Fall großen Einfluss auf die Grundstimmung“, weiß Haendle.
Neben dem Essen erfreut sich auch das Programm großer Beliebtheit. Jeder Tag beginnt mit einer Morgenandacht, danach gibt es Frühstück. Über den Tag verteilt finden verschiedene Unternehmungen statt, die größtenteils thematisch an die Geschichte von Robin Hood anknüpfen. An einem Tag geht es zum Schwimmen nach Fridingen, eine Lagerolympiade wird ausgerichtet, es findet ein „Grusellauf“ bei Dunkelheit statt und eine Menge Spiel und Spaß wird geboten. „Am besten sind die Hobbygruppen. Da machen wir immer verschiedene Sachen wie Batiken oder Bogenschießen“, sagt der 12-jährige Tolga Bislimi. Die Details des großen Finales am Freitagabend wurden noch nicht verraten. Zu groß ist die Gefahr, dass die Schergen des Sheriffs davon Wind bekommen, und den Plan vereiteln.
„Am Samstagvormittag, wenn bei der Verabschiedung die Lagerfahne eingeholt wird, rollen jedes Jahr die Tränen. Sowohl bei den Kindern, als auch Betreuern“, berichtet Haendle. Er muss es wissen, schließlich ist er seit Jahrzehnten mit von der Partie.

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